Wissenschaft

Montag, 5. Juni 2006

Die zwei Seiten eines Medikaments

In der März-Ausgabe des Journal of Neuroscience berichtet ein Team von amerikanischen Wissenschaftlern, dass ALS-Patienten vielleicht mit Thalidomid geholfen werden könne. ALS ist eine Nerven-Erkrankung, die auch unter dem Namen Lou-Gehring-Krankheit bekannt ist.

Damit verlängert sich die Liste der Krankheiten, bei denen Thalidomid vielversprechende Wirksamkeit zeigt. Schon heute wird Thalidomid erfolgreich gegen Lepra verabreicht. Überall auf der Welt werden derzeit Studien durchgeführt, in denen die Wirksamkeit von Thalidomid bei Krebs untersucht wird.

Thalidomid wurde in den fünziger Jahren entdeckt. Damals suchten Forscher der Firma Chemie Grünenthal, einem auch heute noch aktiven Pharmaunternehmen, einfache Wege, ein neues Antibiotikum herzustellen. Letztendlich fanden sie ein wirksames Schlaf- und Beruhigungsmittel, das unter der Bezeichnung Contergan rezeptfrei erhältlich war.



Das Medikament schien keine Nebenwirkungen zu haben. Schon bald verdrängte Contergan die meisten anderen Schlafmittel vom Markt. Auch schwangeren Frauen und stillenden Müttern wurde das Medikament empfohlen. Hier ein Zitat aus einer Werbebroschüre der Chemie Grünenthal:

In der Schwangerschaft und Stillperiode steht der weibliche Organismus unter großer Belastung. Schlaflosigkeit, Unruhe und Spannungen sind beständige Klagen. Die Gabe eines Sedativums- Hypnotikums, das weder Mutter noch Kind schädigt, ist oft notwendig.

Contergan wurde millionenfach verkauft. In fast alles Ländermn wurde Thalidomid als Schlafmittel eingeführt. Spätestens 1961 - vier Jahre nach der Zulassung des Medikaments - wurde aber bekannt, dass Thalidomid zu Missbildungen bei Embryonen und zu schweren Nervenschädigungen bei Erwachsenen führt. Insgesamt 5000 Kinder wurden geboren, die schwere körperliche Behinderungen hatten. Die Zahl der durch Contergan bedingten Todgeburten wird auf 21.000 geschätzt. Contergan war eine Katastrophe.

Das Medikamt wurde vom Markt genommen. Es kam zu einem der längsten Prozesse in der Geschichte der Bundesrepublik. Auch heute noch wird Chemie Grünenthal vorgeworfen, sich aus der Verantwortung gezogen zu haben. Die Firma verpflichtete sich zur Zahlung von 100 Millionen Mark für die durch Contergan geschädigten Menschen, im Gegenzug wurde der Prozess wegen Geringfügigkeit eingestellt und "weil in der Öffentlichkeit kein Interesse mehr bestand, den Fall weiter zu verfolgen". Ein Skandal, dessen Ausmaße kaum unterschätzt werden können.

Kritiker glauben, dass man die schlimmen Nebenwirkungen des Medikaments schön früher hätten bemerken können. So wird berichtet, dass das erste durch Contergan geschädigte Kind am 25.12.1956 geboren wurde - 10 Monate vor Markeinführung des Medikaments. Der Vater des Kindes war ein Mitarbeiter der Chemie Grünenthal und hatte seiner schwangeren Frau Proben des Präparats mit nach Hause gebracht.

Hier soll nicht weiter darauf eingegangen werden, was für eine schlimme Tragödie der Fall Contergan gewesen ist und immer noch ist. Letztendlich hat der Fall Contergan aber dazu beigetragen, die Einführung und Zulassung von Arzneimitteln besser zu überwachen.

Das Patent der Firma Grünenthal auf Thalidomid ist vor 30 Jahren ausgelaufen. Chemie Grünenthal stellt kein Thalidomid mehr her.

Erst kürzlich wurde aber über das Auftreten von Thalidomid-Schädigungen in Südamerika berichtet. Dort wird Thalidomid kontrolliert zur Therapie von Lepra verabreicht. Das einzig wirksame Lepra-Medikament hat schreckliche Nebenwirkungen. Auch eine "kontrollierte" Abgabe kann Missbrauch nicht ausschließen. Kann eine Regierung oder ein Arzt eine Verabreichung zulassen?

Fest steht, dass Thalidomid ein Wundermittel ist. Mit schrecklichen Nebenwirkungen. Ich bin mir sicher, dass es bald gelingen wird eine Substanz zu finden, die ähnliche positive Eigenschaften wie Thalidomid besitzt, ohne die schlimmen Nebenwirkungen zu haben.

Weitere (etwas mehr wissenschaftliche) Informationen über die Wirkungsweise von Thalidomid finden sich hier. Vom norddeutschen Rundfunk NDR gibt es eine gute Reportage über das Thema Contergan, nachzulesen hier. Ein ausführlicher Artikel über Thalidomid ist erschienen 2003 in Clinical Therapeutics, Vol. 23, S. 342-395.

Motto

Kommt daher Ihr Wunsch, dem Augenblick Geltung zu verschaffen?

Das ist kein Vorsatz. So bin ich halt gemacht. Vielleicht ist es eine Art Krankheit, aber ich mag meine Krankheit.

Peter Handke im Interview mit der Zeit

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