Ich bin ein begeisteter Peter Handke-Leser. Aber: Ich habe längts nicht alles von ihm gelesen. Und längst nicht alles hat mir gefallen. Und längst nicht alles war mir verständlich. Aber es gibt einige Sätze, die diese Texte für mich zu dem besten machen, was ich je gelesen habe. Deswegen kann ich sagen: Peter Handkes Texte bedeuten mir etwas und seine Person interessiert mich. Ich war immer der Überzeugung, von Handke könne ich lernen.
Und nun wird in den Nachrichten sehr viel über Peter Handke geschrieben, geredet und geurteilt. Mit Schrecken verfolge ich die Kontroverse über Handke und Serbien. Was soll man davon halten?
Leider habe ich keines seiner neuen Bücher, die mittel- oder unmittelbar mit dem Thema Serbien zu tun haben, gelesen. Es fällt mir daher schwer, eine fundierte Meinung zu bilden. Ich kann auch nicht behaupten, dass ich jedes Interview, jeden Zeitungsartikel und jeden Kommentar von Peter Handke zu diesem Thema gelesen habe. Ich kenne nicht einmal den vollen Wortlaut der Rede, die Handke am Grab Milosevics gehalten hat.
Aber wer hat schon alles gelesen? Und wer mag behaupten, gerecht urteilen zu können?
Offensichtlich gibt es da jemanden: Nachdem sich nämlich eine unabhängige Jury für die Verleihung des Heinrich-Heine-Preises 2006 an Handke entschieden hatte, protestierte dagegen die Düsseldorfer Stadtratsfraktion der Grünen. Nach Distanzierungen von Jury-Mitgliedern von der Mehrheitsentscheidung und weiteren Protesten verständigten sich die Fraktionen im Düsseldorfer Rat am 30. Mai 2006 darauf, den Heinrich-Heine-Preis im Jahre 2006 nicht zu verleihen.
Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Jürgen Rüttgers (CDU) warf Handke vor, den Holocaust zu relativieren. Die Medien ziehen mit, denn das sieht nach einem Skandal aus, der sich gut verkaufen lässt. Er sagte:
Die Landesregierung ist der Meinung, dass für den Heine-Preis nicht preiswürdig ist, wer den Holocaust relativiert.
Ich frage mich:
Sind sich die Politiker und die Medien wirklich sicher in dem, was sie Handke verwerfen? Viele Intelektuelle sind erstaunlicherweise anderer Meinung. Ulla Unseld-Berkéwicz, die Leiterin des Suhrkamp-Verlages, spricht von Diffamierung:
Wenn es nicht zu einem öffentlichen Aufschrei führt, dass einer der größten Dichter derart geächtet wird, ist das ein Zeichen für den drohenden Bankrott unserer Kultur.
Zwei Mitglieder der Düsseldorfer Jury (darunter Sigrid Löffler) erklärten am 2. Juni 2006 ihren Rücktritt aus der Jury. Dies wäre als Protest gegenüber denjenigen Juroren zu verstehen, die „haltlose wie rufschädigende Behauptungen über den Gekürten in Umlauf“ brachten. Wo bleibt das Rückgrat der Juroren? Die Einmischung der Politik in die Vergabe des Heinrich-Heine-Preises wurde von Frank Schirrmacher (FAZ) kritisiert:
Politik kann und darf keine Machtentscheidung darüber treffen, ob Handkes Werk der Völkerverständigung dient oder nicht - sie kann es diskutieren, aber sie kann keinen Parlamentsbeschluß herbeiführen, der de facto einen von ihren eigenen Vertretern mitgewählten Preisträger für unwürdig erklärt.
In den letzten Tagen bemüht sich auch Handke um klare Worte. Er will, dass wir endlich verstehen, was er mit gewissen Sätzen und Gesten (die ihm - aus dem Kontext gerissen - zum Vorwurf gemacht werden) gemeint hat. Wir sollten noch einmal genau hinhören, was Handke uns zu sagen hat. Nicht zu schnell ein Urteil fällen! Im
Begleitschreiben Blog lese ich:
So liegt Handkes „Hauptschuld“ darin, die Frage (wohlgemerkt: die Frage) nach der „Schuld“ der Sezessionskriege einfach noch einmal neu zu stellen, dahingehend neu, dass man vielleicht fragen kann, ob nicht tatsächlich die gemutmassten 200.000 Toten für die unabhängigen Republiken Kroatien und Bosnien-Herzegowina zu viel seien. Er sagt ausdrücklich nicht, dass man die Expansionspolitik Serbiens hätte deshalb „zulassen“ müssen; es ist nicht Handkes Intention, Tagespolitik zu machen, aber es ist sein Anliegen zu fragen, ob vielleicht zwischen einem serbisch-dominierten „Rest-Jugoslawien“ und der Vielstaaterei nicht eine politische Zwischenlösung hätte gefunden werden können, ja müssen.
Mag sein, dass Peter Handke unvernünftig gewesen ist, indem er politisch geworden ist. Und diese Politiker... die sind ja soooo vernünftig... Und Peter Handke? Der erklärt:
Ich kenne die Wahrheit nicht, aber ich beobachte. Ich höre. Ich fühle. Ich erinnere mich. Ich hinterfrage. Warum schlägt man nicht meine Bücher auf, statt mich anzuklagen?
Herr Handke, sie haben uns mal wieder alle überfordert.
/edit: Jemand, der sich kritisch und sehr ausführlich mit der Sache beschäftigt, ist Martin Krusche. Hier kann man sein
Logbuch nachlesen. Ich empfehle z.B. den Eintrag vom 9.4.2006 mit dem Titel "Was Handke angeblich und was er tatsächlich am Grab gesagt hat ...".
/edit: Bitte lest auch die
Diskussion im Begleitschreiben-Blog, an der ich mich beteilige.
/edit: Die Rede am Grab, im Wortlaut:
Ich hätte gewünscht, hier als Schriftsteller in Pozarevac nicht allein zu sein, sondern an der Seite eines anderen Schriftstellers, etwa Harold Pinters. Er hätte kräftigere Worte gebraucht. Ich brauche schwache Worte. Aber das Schwache soll heute, hier recht sein. Es ist ein Tag nicht für starke, sondern auch für schwache Worte.
Die Welt, die so genannte Welt, weiß alles über Jugoslawien, Serbien. Die Welt, die so genannte Welt, weiß alles über Slobodan Milosevic. Die so genannte Welt weiß die Wahrheit. Deswegen ist die so genannte Welt heute abwesend, und nicht bloß heute, und nicht bloß hier. Ich weiß, dass ich nicht weiß. Ich weiß die Wahrheit nicht. Aber ich schaue. Ich höre. Ich fühle. Ich erinnere mich. Deswegen bin ich heute anwesend, nah an Jugoslawien, nah an Serbien, nah an Slobodan Milosevic.
/edit: Und jetzt, bitte, vergleichen Sie einmal dieses
"Zitat" aus der Netzzeitung mit der Rede:
In Pozarevac sprach auch der österreichische Schriftsteller Peter Handke. In seiner Rede auf serbisch sagte Handke, dass die "so genannte Welt keine Welt sei" und dass er die Wahrheit nicht kennt, dass er aber "zuhört, schaut und fühlt". Er sei "glücklich", dass er sich heute in Serbien befinde und "Slobodan Milosevic nahe" sei.