"Grüßen Sie Heine, wenn Sie sein Grab besuchen."

Peter Handke verzichtet auf den Heine Preis. Er hat einem Brief an den Düsseldorfer Oberbürgermeister Joachim Erwin geschrieben.

2. Juni 2006

Lieber Joachim Erwin, lieber Oberbürgermeister,

Ihre freundliche Stimme noch im Ohr, möchte ich Ihnen sagen, welch gute Überraschung dieser Heinrich-Heine-Preis war, erst einmal für mich, der sich überhaupt keinen Preis mehr erwartet hatte, und wie er solch eine Überraschung weiterhin ist, gut vielleicht weniger für mich persönlich als für ein endliches allgemeines Auftauen, so scheint es inzwischen zumindest, der gefrorenen Blicke und Sprache in Hinsicht auf das jugoslawische Problem, einschließlich des Prozesses gegen Slobodan Milosevic, wie das ja wohl auch Sie sich gewünscht haben. Doch ich schreibe Ihnen heute zusätzlich, um Ihnen (und der Welt) die Sitzung des Düsseldorfer Stadtrats (heißt das so?) zu ersparen, womit der Preis an mich für nichtig erklärt werden soll, zu ersparen auch meiner Person, nein, eher dem durch die Öffentlichkeit (?) geisternden Phantom meiner Person, und insbesondere zu ersparen meinem Werk oder meinetwegen Zeug, welches ich nicht wieder und wieder Pöbeleien solcher wie solcher Parteipolitiker ausgesetzt sehen möchte. Ich bitte Sie - so das in Ihrer Macht steht -, die Sitzung oder Veranstaltung auf den Nimmerleinstag zu verschieben und statt dessen die Stadträte an die frische Luft zu entlassen, z.B. zu einem Picknick an den Rhein. Schade ist vielleicht nur, daß ich im Dezember einiges hätte darlegen können zum Unterschied zwischen journalistischer und literarischer Sprache und daß ich nun in Düsseldorf-Rath sowie in der Gartenstraße beim Hofgarten meine Streunereien vor 35, 40 Jahren nicht wiederholen kann. Aber dafür werde ich bald wieder einmal vor dem Grab Heinrich Heines auf dem Friedhof von Montmartre stehen - der Friedhof ist nicht weit von meinem Kaff hier. Und seien Sie nochmals bedankt, lieber Joachim Erwin, für Ihre Aufgeschlossenheit - die Sie sich für Ihr Tun und Lassen bewahren mögen.

Herzlich,

Ihr
Peter Handke


Und Joachim Erwin hat mit einem Brief geantwortet.

7. Juni 2006

Lieber Peter Handke,

kein Picknick für Hasenfüße, die sich in hellem Aufruhr um den kühlen Verstand bringen und in ihrer vorauseilenden Angst panisch alles niedertrampeln.

Kein Pardon für solche, die mit großen Brocken hoffen, medienwirksam Löcher einzuebnen, die sie zuvor heimtückisch selbst ausgehoben haben.

Doch - wer andern eine Grube gräbt, fällt selbst hinein. Unkenrufer stellen sich selbst ins Abseits. Die Zeit wird es weisen.

Lieber Peter Handke, ich bin tief betroffen und verärgert über die unglaublichen Geschehnisse. Welch eine Chance wurde vertan in der zweifelhaften Manier, um jeden Preis und alles in der Welt politically correct dazustehen.

Warum beauftragt man eine unabhängige Jury, um deren Entscheidung noch vor jeder ernsthaften Diskussion mit fadenscheinigen Argumenten auszuhebeln?

Wieder einmal bewahrheiten sich Nietzsches kluge Bedenken, die er als Untertitel seinem Zarathustra mit auf den Weg gab: „Ein Buch für Alle und Keinen“. Will sagen, nicht für jedermann, jedoch für alle, die sich offen damit auseinandersetzen. Und für keinen, der in blindem Ressentiment damit umspringt.

Es stimmt mich traurig, daß unter den politischen Kräften der Stadt, der ich als Oberbürgermeister die Ehre habe vorzustehen, sich nur so wenige finden, den Dichtern und Künstlern in ihrem eigensinnigen Schaffen Gehör zu schenken.

Offenbar fehlt es den meisten an Schneid, die Auseinandersetzung mit einer literarischen Sprache zu suchen, die mit Gewinn wagt, vieldeutig aufzutreten, um Schlaglichter aus unterschiedlichen Perspektiven auf die Wirklichkeit zu werfen.

Grüßen Sie Heine, wenn Sie sein Grab besuchen. Und versprechen Sie ihm und mir, nach Düsseldorf zu kommen. Mit Ihnen durch den Hofgarten zu gehen und sich zu besprechen erscheint mir eine vortreffliche Vorstellung.

Ich verstehe Ihren Unmut und den Entschluß, die Posse für sich zu beenden und abzuwinken. Doch seien Sie versichert, die Schelte folgt und wird nicht auf Sankt Nimmerlein verschoben.

Herzliche Grüße!

Ihr
Joachim Erwin
Gregor Keuschnig - 8. Jun, 19:20

Schon am 2. Juni

Handke hatte eigentlich keine Alternative.

Wie schreibt Martin Mosebach in der aktuellen "ZEIT": Sollte das Düsseldorfer Stadtparlament es ablehnen, Peter Handke den Heine-Preis zu verleihen, werden künftige Preisträger sich sagen müssen, dass sie den Preis auch deshalb erhalten haben, weil sie mit den politischen Vorstellungen der jeweiligen Mehrheitsfraktionen harmonisieren. Nicht alle werden diese Vorstellung als Kompliment empfinden.

Mosebach irrt dahingehend, dass es auch jetzt der Fall ist. Der Preis ist auf lange Zeit diskreditiert. Und wenn die Vorstellungen des ehemaligen Kulturstaatsministers Julian Nida-Rümelin in der SZ Kanon werden, dann sollten Jurys nur noch "beratend" tätig sein. Literaturpreise wären Gesinnungspreise. Nicht weit weg von Weissrussland.

sebastian_radestock - 8. Jun, 19:57

Allerdings

Da haben Sie Recht. Es bleibt aber die Hoffnung, dass einige (nicht alle) gelernt haben, noch vorsichtiger gegenüber den Medien und der "Öffentlichkeit" zu sein. Ob uns der "Fall Handke" gelehrt hat, mutiger zu sein?

Das ist vielleicht zu viel erwartet... Aber auf jeden Fall sollten wir daraus lernen, vorsichtiger und bedachter mit Worten umzugehen. Sei es mit den Worten der "Öffentlichkeit", die wir tagtäglich lesen, sei es mit unseren eigenen Worten, die wir hier tagtäglich schreiben.
Gregor Keuschnig - 8. Jun, 21:25

Solche Art...

der Auseinandersetzung, wie man auf Handke eingedroschen hat (übrigens nicht erst seit der Geschichte mit dem Heine-Preis, sondern auch schon 1996 und 1999), ist doch immer (mal wieder) der Ton der Feuilletons.

Intellektuelle, die politisch gegen den Mainstream reden, werden immer sehr schnell auf breiter "Front" abgewatscht. Im schlimmsten Fall geht man ihnen an die Ehre und den Ruf. Das war bei Botho Strauß nicht anders als bei Martin Walser - beide vertreten dezidiert "rechtskonservative" Thesen.

Schlimm ist, dass meistens diejenigen am lautesten schreien, die am wenigsten Kenntnisse von der Materie (hier: den Büchern) haben. Das wird sich auch niemals ändern. Schon deswegen nicht, weil es so schön ist, sich als "Mehrheitsdemokrat" zu profilieren.

Umgekehrt ist es übrigens weitaus seltener. Reden von Grass beispielsweise (die seit längerer Zeit schon relativ farblos und opahaft daherkommen) werden immer noch leidlich für gut befunden.

Das ist letztlich oft nur Gesinnungsschelte, was dort betrieben wird. Der Unterschied zum Mittelalter liegt darin, dass man die Unvernünftigen nicht mehr physisch angreift.

Motto

Kommt daher Ihr Wunsch, dem Augenblick Geltung zu verschaffen?

Das ist kein Vorsatz. So bin ich halt gemacht. Vielleicht ist es eine Art Krankheit, aber ich mag meine Krankheit.

Peter Handke im Interview mit der Zeit

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Gregor Keuschnig - 24. Jul, 16:03

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