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Es geht nicht um die Menschen

Die deutschkroatische Schriftstellerin Marica Bodrozic schreibt am 6.6.2006 in der Tageszeitung:

Hat einer der nun reumütig gewordenen Jurymitglieder die Menschen vor Ort, in Kroatien, in Bosnien, in Serbien, im Kosovo, in Makedonien besucht? Einer der Düsseldorfer Politiker, die eine autonome Juryentscheidung nun durch einen Beschluss unterwandern, je einem beinlosen Kind in die Augen gesehen? Einer Bäuerin aus Serbien beim Kuhmelken zugeschaut? Das kroatische Binnenland bereist, die Häuser gesehen, an denen nur das Wetter eine Handschrift hinterlassen hat?

Peter Handke hat all das getan, auf seine, dem schreibenden Menschen gemäße Art. Was unsere moralische Empörungsgymnastik nie geschafft hat, wird sein Werk längst in Bewegung gebracht haben. Und wir sehen es auch; von heute aus betrachtet, begreifen wir, wie unsinnig es war, die serbischen Menschen aus der Luft zu beschießen, Brücken zu zerstören und Feindschaft zu säen. Wen machen die Serben für all das verantwortlich? Selbstverständlich insgeheim die Kroaten. Und das kann uns in Düsseldorf wirklich ganz egal sein, wir hören nur in den Nachrichten, dass "da unten", wie wir uns so oft ausdrücken, wieder der Teufel los sei. Der Teufel, den wir selbst mitgemalt haben. Spricht man mit jungen Menschen in Zagreb, so findet sich kaum einer, der das Nato-Bombardement begrüßt hätte, kaum einer noch, der sich im Namen von Tudjman an irgendeine blutdurchtränkte Grenze legen und blind drauf losschießen würde.

Aber im Westen ist es noch immer Konsens, die Beschießung Serbiens ist noch immer im Bewusstsein der Politiker ein politisch korrekter Akt. Wie kriegen wir das in unserem Weltbild zusammen? Wie können wir tatsächlich einem Menschen, der, natürlich mit vielen Widersprüchen (wer widerspricht sich nicht?), der uns auf all das alleinstehend auf großer Flur aufmerksam gemacht hat, allen Ernstes wieder den Heinrich-Heine-Preis aberkennen wollen?

Das bloße Daherreden ist zum eigenartigen Gefuchtel geworden. Es ist traurig, dass es uns nur um unseren guten Ruf geht. Und eben nicht um die Menschen. Wer interessiert sich für sie nach den Debatten? Wir, die Hüter des Wissens und des Rechtes, wir, die wir so viel zu wissen glauben, sollten wirklich erst einmal Leser werden, bevor wir so viel Unbrauchbares, so viel Schädliches sagen. Das darf am Ende niemals einfach nur ein dummes Einverstandensein mit sich bringen. Wir müssen widersprechen. Aber mit den Mitteln der Sprache und der Freiheit, nicht mit ihren Gegenspielern, den Verboten.


Hier kann man den Artikel in vollen Länge nachlesen.
Gregor Keuschnig - 8. Jun, 13:54

Schöner Beitrag

Vielen Dank für den Link.

Wunderbar formuliert:

Das Plappern ist eine Devise geworden, eine Währung ohne Rückstoß, die Wörter haben Unterröcke bekommen und schmutzige Füße und einen ohne das Gewissen schlingenden Mund.

Der verfressenen Rede aber hat sich Peter Handke mit seinem ganzen Werk, von Beginn an, entgegengestellt; wobei das "gegen" nie seine Sache war, sondern immer nur der Blick, das Für-die-Welt, Für-das-Licht und die Dinge.


Und:

Es muss möglich sein, einem streitbaren Menschen, den Heinrich Heine als Erster hätte überhaupt einmal eine eigene Preisrede halten lassen, mit Achtung zu begegnen.

Und dieser Satz sollte man all denen vorhalten, die meinen, nur weil sie zwei, drei Feuilletons gelesen haben, könnten sie über Handke und sein Werk mit ihrer Arroganz urteilen:

Bemerkt auch niemand im so genannten Westen, dass unsere Überheblichkeit, nun auch schon im Namen der Opfer zu sprechen, eine seelenlose Form eingenommen hat, die zu wahren Handke doch immerhin stets versucht hat.

Motto

Kommt daher Ihr Wunsch, dem Augenblick Geltung zu verschaffen?

Das ist kein Vorsatz. So bin ich halt gemacht. Vielleicht ist es eine Art Krankheit, aber ich mag meine Krankheit.

Peter Handke im Interview mit der Zeit

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Gregor Keuschnig - 24. Jul, 16:03

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