Samstag, 10. Juni 2006

Aufstieg und Fall der AEG - Aus Erfahrung Gut

AEG steht für Qualität aus Deutschland. Die wenigsten wissen, dass AEG inzwischen nur noch eine Marke ist. Der Konzern, der diese Marke einst hat so erfolgreich werden lassen, ist vor genau zehn Jahren aufgelöst worden. Rund 25 Lizenznehmern ist es erlaubt, "AEG " auf ihre Produkte zu prägen. Dass diese Produkte (MP3-Player, Mini-Radios, Telefone usw.) nur noch selten dem Qualitätsanspruch des AEG-Konzern gerecht werden, das merkt man meistens erst dann, wenn der Gerät sehr schnell kaputt geht.

Die AEG hat eine wechselvolle Geschichte hinter sich. 1883 wurde die Firma (damals noch als Deutsche Electrizitäts-Gesellschaft DEG) von Emil Rathenau in Berlin gegründet. Dieser hatte die Patente an den Erfindungen Thomas Edisons für Deutschland erworben. 1887 folge die Umbenennung in AEG. Um 1900 hatte die AEG zahlreiche Werke in und um Berlin, in denen Maschinen, Apparate, Glühlampen, Kabel und Turbinen produziert wurden. Mit der Firma Siemens zusammen gründete die AEG die "Gesellschaft für drahtlose Telegraphie System Telefunken".


AEG, im Volksmund bedeutete das: Aus Erfahrung Gut.

1910 stieg die AEG in den Flugzeugbau ein. Die AEG war auch im Lokomotiv- und Fahrzeugbau aktiv. Rathenaus Konzern ist aggressiv, innovativ und äußerst risikobereit. Vor dem ersten Weltkrieg ist die AEG das größte deutsche Unternehmen der Elektroindustrie, größer noch als Siemens. Das "Corporate Design", viele Gebrauchsgegenstände und viele Gebäude werden von Peter Behrens entworfen, der von 1907 bis 1914 für den Konzern arbeitete. Behrens war Künstler und Architekt, Mitbegründer des Deutschen Werkbundes, und gilt als einer der Gründer der Klassischen Moderne (Funktionalismus). 1920 bis 1925 baute Behrens übrigens Verwanltungsgebäude für die Frankfurter Hoechst AG.

Emil Rathenau stirbt im Juni 1915. Sein Sohn Walther, Präsident der AEG, später Außenpolitiker, wird im Juni 1922 von rechten Schlägertrupps ermordet. Die AEG verliert Rüstungsaufträge. Das Auslandsgeschäft bricht ein, und der Konzern gerät in der Weltwirtschaftskrise 1929/30 an den Rand der Zahlungsunfähigkeit.

Unter Zusammenarbeit mit der BASF entwickelte die AEG in den 30er Jahren das Magnetophon. Während Siemens schon 1944 von den Plänen der Alliierten erfährt, Deutschland nach einem Sieg aufzuteilen, und deswegen viele Produktionsstätten in den Westen verlegt, muss die AEG 1945 den Verlust ihrer meisten Produktionsstätten beklagen. Der Wiederaufbau bedeutete eine Herausforderung.

F. Lerner schreibt 1958:

Kein Werk blieb arbeitsfähig. Insgesamt wurden die Verluste des Unternehmens auf über eine Milliarde Mark geschätzt. Mit etwa 10% der alten Fabrikationsnutzfläche und 8% der zudem noch überalterten Werkzeugmaschinen begann der Wiederaufbau. Von den 72000 Beschäftigten des Jahres 1939 waren 1945 noch 9600 übriggeblieben. Praktisch besaß das Unternehmen außer seinem in Jahrzehnten erworbenen Weltruf nur noch wenige Aktiva. Dennoch entschlossen sich seine Leiter zum Wiederaufbau.

Auch wenn die AEG immer in Berlin beheimatet blieb, so wurde 1951 in Frankfurt die Konzernzentrale errichtet: Das AEG-Hochhaus (damals noch Hochhaus Süd genannt).

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Das AEG-Hochhaus in Frankfurt 1953. Von der wiederaufgebauten Friedensbrücke aus gesehen.

F. Lerner schreibt:

Für das Frankfurter Wirtschaftsleben bedeutete die Ansiedlung der AEG unzweifelhaft einen großen Gewinn, der sich in seinen vielfältigen Auswirkungen kaum erfassen läßt. Umgekehrt sind dem Unternehmen über die unmittelbaren Vorteile der Stadt, die es zu dieser Wahl veranlagt haben, aus dem Geist, der in ihrer Wirtschaft lebendig ist, auch mancherlei Antriebskräfte zugeflossen, die seine Wiedererrichtung befruchtet und damit die gegenseitige Verbindung befestigt haben. Gemeinsam durchlebte Jahre des Aufstiegs aus so schwerer Not schaffen mehr als nur stolze Erinnerungen.

Die AEG beginnt wieder zu wachsen, immer mit dem Ziel, den Konkurrenten Siemens zu überholen. Die AEG kauft so viele Firmen, wie nur möglich. 1967 wird Telefunken wieder in den Konzern integriert. Die Firma lebt von den Krediten der Banken. In den 70er Jahren werden Krisen im Stammgeschäft und im Kernkraftbereich schlicht übersehen. Der Konzern besitzt kaum Rücklagen, und die Ölkrise 1974 bedeutet einen schweren Schlag.

Anfang der 80er Jahre sind alle Liquiditäten des Konzerns aufgebraucht. Die Banken gewähren Kredite. Gleichzeitig beginnt der Konzern zu schrumpfen: Von 32 Geschäftsfeldern auf 20. 1985 steigt Daimler-Benz bei der AEG ein. 1990 sind alle Geschäftsfelder in den roten Zahlen. Der letzte Versuch von Daimler-Banz, die AEG profitabel zu machen, scheitert.

Die AEG geht an ihrem Ziel und an ihrer Tradition zugrunde: Siemens zu überholen.

Anfang der 90er Jahre wird die Marke AEG verkauft. 1994 wurde die AEG Haushaltsgeräte GmbH mit dem Stammwerk in Nürnberg an die schwedische Electrolux verkauft. Die Hauptversammlung von Daimler-Benz beschloss Anfang Juni 1996 die Auflösung der AEG. Nach 113 Jahren geht das Unternehmen AEG durch Verschmelzung mit der damaligen Daimler-Benz AG unter.

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Das AEG-Hochhaus in den 50er Jahren. Von der Stresemannallee aus gesehen.

Die Konzernzentrale in Frankfurt wurde 1999 gesprengt. Das Hochhaus nahm einen ganzen Straßenblock am südwestlichen Brückenkopf der Friedensbrücke ein. Mit seiner großen Uhr galt das Gebäude als eines der schönsten der 50er Jahre in Frankfurt. Nach der Sprengung entstand hier ein großer, durchsichtig wirkender Gebäudekomplex der Allianz AG. Heute erinnert in Frankfurt nichts mehr an das einstige Weltunternehmen AEG.

Heute gibt es rund 30 Firmen, die "AEG" auf ihre Produkte schreiben dürfen. Nur wenige dieser Firmen sehen sich der Qualität und Tradition der AEG verpflichtet. Electrolux hat den Namen auch in die Doppelmarke Electrolux-AEG eingebracht. Das Werk in Nürnberg wird 2007 geschlossen. Wegen der Tradition und der Stärke werde man die Marke AEG auf jeden Fall behalten - auch wenn das Firmenschild an die Geräte künftig in Polen aufgeschraubt wird, kommentiert ein Electrolux-Sprecher.

Motto

Kommt daher Ihr Wunsch, dem Augenblick Geltung zu verschaffen?

Das ist kein Vorsatz. So bin ich halt gemacht. Vielleicht ist es eine Art Krankheit, aber ich mag meine Krankheit.

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