Donnerstag, 8. Juni 2006

Oh! Was ist denn hier los?

Keine Sorge... Ich habe meinem Weblog nur ein neues Layout gegeben.

Respekt und Akzeptanz

In der Zeit habe ich einen guten Artikel über Zuwanderung und Integration in Deutschland gefunden. Autor ist der CDU-Politiker und nordrhein-westfälische Integrationsminister Armin Laschet.

Laschet beginnt mit der Frage, ob wir eigentlich "für oder gegen eine multikulturelle Gesellschaft" sind. Doch halt!

Wer mit offenen Augen durchs Leben geht, sieht tagtäglich, dass viele Kulturen seit Jahrzehnten bei uns leben. Da man im Lateinischen "viele" mit "multi" übersetzt, kann man also getrost von einer multikulturellen Gesellschaft sprechen.

Es geht also nicht darum, ob wir eine multikulturelle Gesellschaft wollen oder nicht, sondern darum zu erkennen, dass die multikulturelle Gesellschaft in Deutschland bereits Realität ist.

Laschet fordert eine gemeinsame Leitkultur. Diese gemeinsame Leitkultur ist nicht mit einer deutsche Leitkultur (oder einer christlichen Leitkultur oder einer muslimischen Leitkultur) zu verwechseln.

Nein, es führt kein Weg vorbei an einer gemeinsamen Leitkultur, in der wir uns auf Grundwerte verständigen, die über das Grundgesetz hinaus Identität schaffen. Das heißt nicht, dass wir über unsere Grundrechte mit Islamisten verhandeln. Das Grundgesetz ist nicht verhandelbar. Doch welche Werte bilden den Kitt unserer Gesellschaft? Wie sollte eine solche Debatte geführt werden, damit sie nicht zerfranst, sondern einen Kanon von Werten schafft, den Deutsche und Zuwanderer akzeptieren?

Laschet betont, dass die gemeinsame Leitkultur eine Sammlung von Grundwerten ist, die alle Seiten akzeptieren müssen. Er verschweigt nicht, dass die Definition dieser Grundwerte diskutiert werden muss. Er fordert aber klare Grundlagen, die nicht diskutiert werden können:
  1. Die Anerkennung des Grundgesetzes.
  2. Das Akzeptieren der in Deutschland gewachsenen Trennung zwischen Staat und Religion.
  3. Das Wachsen der Bereitschaft bei den Deutschen, auf Mitbürger aus anderen Kulturen zuzugehen sowie Interesse für ihre Sitten, Gebräuche und Freizeitgestaltung zu zeigen.
Dabei soll niemand unter diesen Forderungen leiden. Wenn sie richtig umgesetzt werden, dann bedeuten sie maximale Freiheit für den Einzelnen. Die eigene Freiheit hört allerdings da auf, wo sie die Freiheit eines anderen schneidet. Eine funktionierende multikulturelle Gesellschaft bedeutet Vorteile für alle. "Funktionierend" bedeutet hier, dass Distanzen und Vorurteile abgebaut werden. Laschet weist darauf hin, dass es für manche Deutsche manchmal schwer ist, Distanzen und Vorurteile abzubauen.

Denn Respekt und Akzeptanz des Fremden setzten die Wertschätzung des eigenen Ichs voraus. Doch haben wir Deutsche das in ausreichendem Maße? Mein Eindruck ist, dass wir uns wieder klar darüber werden müssen, dass unsere Ansprüche an eine offene Gesellschaft nur Zukunft haben werden, wenn auch die sie formenden kulturellen Überzeugungen in ihnen lebendig bleiben.

Anzumerken ist, dass Laschets Artikel das Problem reduziert und eine ganze Menge an Details verschweigt. Aber er ist eine gute Diskussionsgrundlage. Mir gefällt, dass Laschet an die Menschen im Land appelliert. Weniger ermahnend als vielmehr werbend für die multikulturelle Gesellschaft.

"Grüßen Sie Heine, wenn Sie sein Grab besuchen."

Peter Handke verzichtet auf den Heine Preis. Er hat einem Brief an den Düsseldorfer Oberbürgermeister Joachim Erwin geschrieben.

2. Juni 2006

Lieber Joachim Erwin, lieber Oberbürgermeister,

Ihre freundliche Stimme noch im Ohr, möchte ich Ihnen sagen, welch gute Überraschung dieser Heinrich-Heine-Preis war, erst einmal für mich, der sich überhaupt keinen Preis mehr erwartet hatte, und wie er solch eine Überraschung weiterhin ist, gut vielleicht weniger für mich persönlich als für ein endliches allgemeines Auftauen, so scheint es inzwischen zumindest, der gefrorenen Blicke und Sprache in Hinsicht auf das jugoslawische Problem, einschließlich des Prozesses gegen Slobodan Milosevic, wie das ja wohl auch Sie sich gewünscht haben. Doch ich schreibe Ihnen heute zusätzlich, um Ihnen (und der Welt) die Sitzung des Düsseldorfer Stadtrats (heißt das so?) zu ersparen, womit der Preis an mich für nichtig erklärt werden soll, zu ersparen auch meiner Person, nein, eher dem durch die Öffentlichkeit (?) geisternden Phantom meiner Person, und insbesondere zu ersparen meinem Werk oder meinetwegen Zeug, welches ich nicht wieder und wieder Pöbeleien solcher wie solcher Parteipolitiker ausgesetzt sehen möchte. Ich bitte Sie - so das in Ihrer Macht steht -, die Sitzung oder Veranstaltung auf den Nimmerleinstag zu verschieben und statt dessen die Stadträte an die frische Luft zu entlassen, z.B. zu einem Picknick an den Rhein. Schade ist vielleicht nur, daß ich im Dezember einiges hätte darlegen können zum Unterschied zwischen journalistischer und literarischer Sprache und daß ich nun in Düsseldorf-Rath sowie in der Gartenstraße beim Hofgarten meine Streunereien vor 35, 40 Jahren nicht wiederholen kann. Aber dafür werde ich bald wieder einmal vor dem Grab Heinrich Heines auf dem Friedhof von Montmartre stehen - der Friedhof ist nicht weit von meinem Kaff hier. Und seien Sie nochmals bedankt, lieber Joachim Erwin, für Ihre Aufgeschlossenheit - die Sie sich für Ihr Tun und Lassen bewahren mögen.

Herzlich,

Ihr
Peter Handke


Und Joachim Erwin hat mit einem Brief geantwortet.

7. Juni 2006

Lieber Peter Handke,

kein Picknick für Hasenfüße, die sich in hellem Aufruhr um den kühlen Verstand bringen und in ihrer vorauseilenden Angst panisch alles niedertrampeln.

Kein Pardon für solche, die mit großen Brocken hoffen, medienwirksam Löcher einzuebnen, die sie zuvor heimtückisch selbst ausgehoben haben.

Doch - wer andern eine Grube gräbt, fällt selbst hinein. Unkenrufer stellen sich selbst ins Abseits. Die Zeit wird es weisen.

Lieber Peter Handke, ich bin tief betroffen und verärgert über die unglaublichen Geschehnisse. Welch eine Chance wurde vertan in der zweifelhaften Manier, um jeden Preis und alles in der Welt politically correct dazustehen.

Warum beauftragt man eine unabhängige Jury, um deren Entscheidung noch vor jeder ernsthaften Diskussion mit fadenscheinigen Argumenten auszuhebeln?

Wieder einmal bewahrheiten sich Nietzsches kluge Bedenken, die er als Untertitel seinem Zarathustra mit auf den Weg gab: „Ein Buch für Alle und Keinen“. Will sagen, nicht für jedermann, jedoch für alle, die sich offen damit auseinandersetzen. Und für keinen, der in blindem Ressentiment damit umspringt.

Es stimmt mich traurig, daß unter den politischen Kräften der Stadt, der ich als Oberbürgermeister die Ehre habe vorzustehen, sich nur so wenige finden, den Dichtern und Künstlern in ihrem eigensinnigen Schaffen Gehör zu schenken.

Offenbar fehlt es den meisten an Schneid, die Auseinandersetzung mit einer literarischen Sprache zu suchen, die mit Gewinn wagt, vieldeutig aufzutreten, um Schlaglichter aus unterschiedlichen Perspektiven auf die Wirklichkeit zu werfen.

Grüßen Sie Heine, wenn Sie sein Grab besuchen. Und versprechen Sie ihm und mir, nach Düsseldorf zu kommen. Mit Ihnen durch den Hofgarten zu gehen und sich zu besprechen erscheint mir eine vortreffliche Vorstellung.

Ich verstehe Ihren Unmut und den Entschluß, die Posse für sich zu beenden und abzuwinken. Doch seien Sie versichert, die Schelte folgt und wird nicht auf Sankt Nimmerlein verschoben.

Herzliche Grüße!

Ihr
Joachim Erwin

Motto

Kommt daher Ihr Wunsch, dem Augenblick Geltung zu verschaffen?

Das ist kein Vorsatz. So bin ich halt gemacht. Vielleicht ist es eine Art Krankheit, aber ich mag meine Krankheit.

Peter Handke im Interview mit der Zeit

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