Freitag, 6. Oktober 2006

Kreuztal - Die gekaufte Stadt?

Hier habe ich eine interessante Reportage über Kreuztal und Friedrich Flick, den Vater des eben verstorbenen Karl Friedrich Flick, gefunden.

Meine Großeltern wohnten in Kreuztal. In der selben Straße wie Herr Flick, etwa 15 Häuser weiter.

Als ich die Reportage angehört habe, da ist mir wieder eingefallen, wie ich einmal als kleiner Junge mit meinem Vater an dem Flick'schen Anwesen vorbeigegangen bin, und dass mir mein Vater gesagt hat, das seien die reichsten Leute in Deutschland gewesen, aber sie seien nicht gut. Wir waren auch auf dem Friedhof und haben uns die Gruft der Familie Flick angesehen.

Dienstag, 1. August 2006

"Danke fürs Mitmachen, danke fürs Zuschauen!"

Peter Handke, in Was soll ich dazu sagen?, aus Als das Wünschen noch geholfen hat:

Vor ein paar Tagen hat mich jemand angerufen und gefragt: "Was sagst du zu dem Waffenstillstand in Vietnam?" Ich habe nichts geantwortet, nur irgendwie geflucht und von etwas anderem geredet. Was zu sagen war, wäre nicht von mir gewesen, und ich bin mir immer dann besonders fremd vorgekommen, wenn von mir verlangt wurde, etwas zu sagen, was gerade so gut auch eine Machine hätte ausspucken können.

Vor einigen Wochen waren die Zeitungen voll von Kommentaren über Peter Handke. Viele von denen, die die Möglichkeit hatten, eine Meinung zu veröffentlichen - z.B. in ihrem Weblog -, haben dies ausgiebig getan. Viel zu viele meinten, sie hätten etwas zu sagen, obwohl sie nur ein wenig schimpfen wollten und im Mainstream schwammen. Und das, was sie sagten, hätte auch eine Maschine ausspucken können. Danke fürs Mitmachen!

Inzwischen ist es wieder ruhig geworden um Peter Handke. Und die Berichterstattung gewinnt eine gewisse Tiefe. Ich möchte an dieser Stelle auf zwei lesenswerte Weblogs hinweisen:

Zum einen auf das Begleitschreiben. Hier ist ein Interview mit Michael Roloff veröffentlicht. Roloff ist der Übersetzer von Handkes Werken ins Englische, ein Kritiker und ein Kenner von Peter Handke. Ein schwieriger, aber äußerst lesenswerter Beitrag zum besseren Verständinis von Peter Handke.

Lesenswert sind auch die neuesten Beiträge in Krusches Logbuch über Peter Handke.

Mittwoch, 26. Juli 2006

Das Schweizer National Hochhaus in Frankfurt

Frankfurt hat viele Bauten der Fünziger- und Sechzigerjahre verloren. Das Verwaltungsgebäude der Hoch-Tief AG, das AEG-Hochhaus oder das Zürich Hochhaus. So sind mittlerweile viele Hochhäuser der ersten Generation verschwunden.

Auf der Internetseite des Deutschen Werkbundes ist zu lesen:

Leider hat die Stadt Frankfurt bislang in vielen Fällen kein besonderes Verantwortungsbewusstsein gegenüber ihrem städtebaulichen und architektonischen Erbe der Fünfziger Jahre bewiesen. Geschichte und Gesicht der Stadt wurden und werden in vielen Fällen einem kurzfristigen ökonomischen Profit geopfert. Erinnert sei in diesem Zusammenhang nur die Aushebelung des Denkmalschutzes beim Abriss des Verwaltungsgebäudes der Hoch-Tief AG von Egon Eiermann, an den Abbruch des Evangelischen Gemeindezentrum von Walter Schwagenscheidt und Tassilo Sittmann in der Nordweststadt sowie an die gegenwärtige Bedrohung der Universitätsbauten von Ferdinand Kramer – allesamt Bauwerke von unbestrittenem Weltruf, die entgegen allen Voten aus Öffentlichkeit und Fachdisziplin, darunter stets auch des Deutschen Werkbunds Hessen, inzwischen aus dem Bild dieser Stadt ausgelöscht wurden bzw. kurz vor diesem Schicksal stehen.

Dass es auch anders geht, konnte jetzt am 1964 erbauten Hochhaus der Schweizer National, das wegen seiner besonderen Konstruktion unter Denkmalschutz stand, gezeigt werden. Es wurde renoviert und modernisiert, ohne das äußere Erscheinungsbild stark zu verändern. Ein ausführlicher Bericht erschien in der Frankfurter Rundschau.

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Das Schweizer National Hochhaus, um 1970

Architektur in Frankfurt am Main in fünf Minuten

Auf der Internetseite des Bundes Deutscher Architekten (BDA) gibt es einen kurzen Artikel über die Architekturgeschichte Frankfurts. Hier kann man sich in fünf Minuten zumindest einen Überblick verschaffen. Der Schwerpunkt liegt auf der Zeit ab 1920 bis zum zweiten Weltkrieg ("Ernst May und Neues Frankfurt") sowie ab 1980 (Postmoderne). Leider wird die Architektur der Fünfziger- bis Siebzigerjahre kaum erwähnt.

Samstag, 22. Juli 2006

Dürfen Deutsche Israel kritisieren?

Einen Interessanten Beitrag schrieb Uri Avnery für die Tageszeitung. Er erläutert darin, warum Kritik an Israel kein Tabu sein darf.

Lesenswert ist auch ein aktueller Kommentar von Daniel Bax (ebenfalls in der Tageszeitung), in dem er schreibt:

Doch auch der Versuch [der Presse], beispielhafte Ausgewogenheit zu demonstrieren, wirkt oft etwas bizarr: dann nämlich, wenn die Korrespondenten in Israel nur zu berichten haben, dass sich die Bevölkerung in Bunker zurückziehe und Angst habe - während die Lage im Libanon fast stündlich dramatischer und chaotischer wird. Das Ungleichgewicht des Schreckens zwischen der Militärmacht einer hochgerüsteten High-Tech-Armee, die dabei ist, ein ganzes Land zusammenzubomben, und einer Guerilla-Armee, die mit ihrem Raketen eher ziellos in der Gegend umherzuschießen scheint, ist offensichtlich. Dieses Ungleichgewicht spiegelt sich auch in der Zahl der Opfer. In Israel starben bisher 35, im Libanon schon 340 Menschen - und Hunderttausende sind dort auf der Flucht.

Wenn jetzt, wie angekündigt, Israel im Südlibanon die Bodenoffensive beginnt, dann wird die Zahl der Opfer im Libanon noch weiter nach oben schnellen. In einem solch asymmetrischen Konflikt gerät eine auf taktvolle Balance bedachte Berichterstattung schnell an ihre Grenzen - ja, sie kann sogar tendenziös wirken, wenn der Eindruck entsteht, ein israelisches Opfer sei so viel Aufmerksamkeit wert wie zehn Libanesen.

Der Tenor mancher Springer-Blätter oder der Zeit, die Israel als das eigentliche Opfer dieses Kriegs inszenieren, tut ein Übriges, um dieses Bild zu verfinstern. Das aber wirft, nicht nur in den Augen der Betroffenen, ein trübes Licht auf die ethischen Maßstäbe des Westens.


Der gesamte Artikel ist hier zu finden. Wo steht die deutsche Presse in dieser Frage?

Freitag, 7. Juli 2006

Wieder daheim

Die letzten acht Monate habe ich in England verbracht. Eine Zeit, die ich nicht vergessen werde. Eine Zeit, die nur sehr langsam vorbeigegangen ist. Gestern, mit dem letzten Flug, nach Frankfurt. Ich bin ausgestiegen und habe -

DURCHGEATMET.

Dennoch, denke ich jetzt, ich werde es vermissen.

Donnerstag, 6. Juli 2006

Die Enthusiasten

Die Welt wär' ein Sumpf, stinkfaul und matt,
Ohne die Enthusiasten:
Die lassen den Geist nicht rasten.
Die besten Narren, die Gott selbst lieb hat,
Mit ihrem Treiben und Hasten!
Ihr eigen Ich vergessen sie,
Himmel und Erde fressen sie
Und fressen sich nicht satt.


E. Mörike, Gedichte, Nachlese III

Dienstag, 20. Juni 2006

Konsequenz...

Im Begleitschreiben-Blog ist ein wirklich lesenswerter Artikel über das kürzlich in der Zeit veröfentlichte Gespräch mit Günther Grass über Peter Handke erschienen.

Samstag, 10. Juni 2006

Aufstieg und Fall der AEG - Aus Erfahrung Gut

AEG steht für Qualität aus Deutschland. Die wenigsten wissen, dass AEG inzwischen nur noch eine Marke ist. Der Konzern, der diese Marke einst hat so erfolgreich werden lassen, ist vor genau zehn Jahren aufgelöst worden. Rund 25 Lizenznehmern ist es erlaubt, "AEG " auf ihre Produkte zu prägen. Dass diese Produkte (MP3-Player, Mini-Radios, Telefone usw.) nur noch selten dem Qualitätsanspruch des AEG-Konzern gerecht werden, das merkt man meistens erst dann, wenn der Gerät sehr schnell kaputt geht.

Die AEG hat eine wechselvolle Geschichte hinter sich. 1883 wurde die Firma (damals noch als Deutsche Electrizitäts-Gesellschaft DEG) von Emil Rathenau in Berlin gegründet. Dieser hatte die Patente an den Erfindungen Thomas Edisons für Deutschland erworben. 1887 folge die Umbenennung in AEG. Um 1900 hatte die AEG zahlreiche Werke in und um Berlin, in denen Maschinen, Apparate, Glühlampen, Kabel und Turbinen produziert wurden. Mit der Firma Siemens zusammen gründete die AEG die "Gesellschaft für drahtlose Telegraphie System Telefunken".


AEG, im Volksmund bedeutete das: Aus Erfahrung Gut.

1910 stieg die AEG in den Flugzeugbau ein. Die AEG war auch im Lokomotiv- und Fahrzeugbau aktiv. Rathenaus Konzern ist aggressiv, innovativ und äußerst risikobereit. Vor dem ersten Weltkrieg ist die AEG das größte deutsche Unternehmen der Elektroindustrie, größer noch als Siemens. Das "Corporate Design", viele Gebrauchsgegenstände und viele Gebäude werden von Peter Behrens entworfen, der von 1907 bis 1914 für den Konzern arbeitete. Behrens war Künstler und Architekt, Mitbegründer des Deutschen Werkbundes, und gilt als einer der Gründer der Klassischen Moderne (Funktionalismus). 1920 bis 1925 baute Behrens übrigens Verwanltungsgebäude für die Frankfurter Hoechst AG.

Emil Rathenau stirbt im Juni 1915. Sein Sohn Walther, Präsident der AEG, später Außenpolitiker, wird im Juni 1922 von rechten Schlägertrupps ermordet. Die AEG verliert Rüstungsaufträge. Das Auslandsgeschäft bricht ein, und der Konzern gerät in der Weltwirtschaftskrise 1929/30 an den Rand der Zahlungsunfähigkeit.

Unter Zusammenarbeit mit der BASF entwickelte die AEG in den 30er Jahren das Magnetophon. Während Siemens schon 1944 von den Plänen der Alliierten erfährt, Deutschland nach einem Sieg aufzuteilen, und deswegen viele Produktionsstätten in den Westen verlegt, muss die AEG 1945 den Verlust ihrer meisten Produktionsstätten beklagen. Der Wiederaufbau bedeutete eine Herausforderung.

F. Lerner schreibt 1958:

Kein Werk blieb arbeitsfähig. Insgesamt wurden die Verluste des Unternehmens auf über eine Milliarde Mark geschätzt. Mit etwa 10% der alten Fabrikationsnutzfläche und 8% der zudem noch überalterten Werkzeugmaschinen begann der Wiederaufbau. Von den 72000 Beschäftigten des Jahres 1939 waren 1945 noch 9600 übriggeblieben. Praktisch besaß das Unternehmen außer seinem in Jahrzehnten erworbenen Weltruf nur noch wenige Aktiva. Dennoch entschlossen sich seine Leiter zum Wiederaufbau.

Auch wenn die AEG immer in Berlin beheimatet blieb, so wurde 1951 in Frankfurt die Konzernzentrale errichtet: Das AEG-Hochhaus (damals noch Hochhaus Süd genannt).

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Das AEG-Hochhaus in Frankfurt 1953. Von der wiederaufgebauten Friedensbrücke aus gesehen.

F. Lerner schreibt:

Für das Frankfurter Wirtschaftsleben bedeutete die Ansiedlung der AEG unzweifelhaft einen großen Gewinn, der sich in seinen vielfältigen Auswirkungen kaum erfassen läßt. Umgekehrt sind dem Unternehmen über die unmittelbaren Vorteile der Stadt, die es zu dieser Wahl veranlagt haben, aus dem Geist, der in ihrer Wirtschaft lebendig ist, auch mancherlei Antriebskräfte zugeflossen, die seine Wiedererrichtung befruchtet und damit die gegenseitige Verbindung befestigt haben. Gemeinsam durchlebte Jahre des Aufstiegs aus so schwerer Not schaffen mehr als nur stolze Erinnerungen.

Die AEG beginnt wieder zu wachsen, immer mit dem Ziel, den Konkurrenten Siemens zu überholen. Die AEG kauft so viele Firmen, wie nur möglich. 1967 wird Telefunken wieder in den Konzern integriert. Die Firma lebt von den Krediten der Banken. In den 70er Jahren werden Krisen im Stammgeschäft und im Kernkraftbereich schlicht übersehen. Der Konzern besitzt kaum Rücklagen, und die Ölkrise 1974 bedeutet einen schweren Schlag.

Anfang der 80er Jahre sind alle Liquiditäten des Konzerns aufgebraucht. Die Banken gewähren Kredite. Gleichzeitig beginnt der Konzern zu schrumpfen: Von 32 Geschäftsfeldern auf 20. 1985 steigt Daimler-Benz bei der AEG ein. 1990 sind alle Geschäftsfelder in den roten Zahlen. Der letzte Versuch von Daimler-Banz, die AEG profitabel zu machen, scheitert.

Die AEG geht an ihrem Ziel und an ihrer Tradition zugrunde: Siemens zu überholen.

Anfang der 90er Jahre wird die Marke AEG verkauft. 1994 wurde die AEG Haushaltsgeräte GmbH mit dem Stammwerk in Nürnberg an die schwedische Electrolux verkauft. Die Hauptversammlung von Daimler-Benz beschloss Anfang Juni 1996 die Auflösung der AEG. Nach 113 Jahren geht das Unternehmen AEG durch Verschmelzung mit der damaligen Daimler-Benz AG unter.

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Das AEG-Hochhaus in den 50er Jahren. Von der Stresemannallee aus gesehen.

Die Konzernzentrale in Frankfurt wurde 1999 gesprengt. Das Hochhaus nahm einen ganzen Straßenblock am südwestlichen Brückenkopf der Friedensbrücke ein. Mit seiner großen Uhr galt das Gebäude als eines der schönsten der 50er Jahre in Frankfurt. Nach der Sprengung entstand hier ein großer, durchsichtig wirkender Gebäudekomplex der Allianz AG. Heute erinnert in Frankfurt nichts mehr an das einstige Weltunternehmen AEG.

Heute gibt es rund 30 Firmen, die "AEG" auf ihre Produkte schreiben dürfen. Nur wenige dieser Firmen sehen sich der Qualität und Tradition der AEG verpflichtet. Electrolux hat den Namen auch in die Doppelmarke Electrolux-AEG eingebracht. Das Werk in Nürnberg wird 2007 geschlossen. Wegen der Tradition und der Stärke werde man die Marke AEG auf jeden Fall behalten - auch wenn das Firmenschild an die Geräte künftig in Polen aufgeschraubt wird, kommentiert ein Electrolux-Sprecher.

Freitag, 9. Juni 2006

Haaaaaaaaaaaaatschi...

Heuschnupfen. Das Handelsblatt bringt es auf den Punkt.

Die Pollenbelastung in Deutschland ist nach Expertenauskunft so hoch wie seit 20 Jahren nicht mehr. Ursache sei der lange und kalte Winter. Die Pflanzen versuchten nun, sich schnell und intensiv zu vermehren – und bildeten besonders viele Pollen.

Ich habe nichts dagegen, wenn sich Pflanzen vermehren wollen. Aber muss es gleich so schnell und intensiv sein? Und auch noch am hellichten Tage???

Donnerstag, 8. Juni 2006

Oh! Was ist denn hier los?

Keine Sorge... Ich habe meinem Weblog nur ein neues Layout gegeben.

Respekt und Akzeptanz

In der Zeit habe ich einen guten Artikel über Zuwanderung und Integration in Deutschland gefunden. Autor ist der CDU-Politiker und nordrhein-westfälische Integrationsminister Armin Laschet.

Laschet beginnt mit der Frage, ob wir eigentlich "für oder gegen eine multikulturelle Gesellschaft" sind. Doch halt!

Wer mit offenen Augen durchs Leben geht, sieht tagtäglich, dass viele Kulturen seit Jahrzehnten bei uns leben. Da man im Lateinischen "viele" mit "multi" übersetzt, kann man also getrost von einer multikulturellen Gesellschaft sprechen.

Es geht also nicht darum, ob wir eine multikulturelle Gesellschaft wollen oder nicht, sondern darum zu erkennen, dass die multikulturelle Gesellschaft in Deutschland bereits Realität ist.

Laschet fordert eine gemeinsame Leitkultur. Diese gemeinsame Leitkultur ist nicht mit einer deutsche Leitkultur (oder einer christlichen Leitkultur oder einer muslimischen Leitkultur) zu verwechseln.

Nein, es führt kein Weg vorbei an einer gemeinsamen Leitkultur, in der wir uns auf Grundwerte verständigen, die über das Grundgesetz hinaus Identität schaffen. Das heißt nicht, dass wir über unsere Grundrechte mit Islamisten verhandeln. Das Grundgesetz ist nicht verhandelbar. Doch welche Werte bilden den Kitt unserer Gesellschaft? Wie sollte eine solche Debatte geführt werden, damit sie nicht zerfranst, sondern einen Kanon von Werten schafft, den Deutsche und Zuwanderer akzeptieren?

Laschet betont, dass die gemeinsame Leitkultur eine Sammlung von Grundwerten ist, die alle Seiten akzeptieren müssen. Er verschweigt nicht, dass die Definition dieser Grundwerte diskutiert werden muss. Er fordert aber klare Grundlagen, die nicht diskutiert werden können:
  1. Die Anerkennung des Grundgesetzes.
  2. Das Akzeptieren der in Deutschland gewachsenen Trennung zwischen Staat und Religion.
  3. Das Wachsen der Bereitschaft bei den Deutschen, auf Mitbürger aus anderen Kulturen zuzugehen sowie Interesse für ihre Sitten, Gebräuche und Freizeitgestaltung zu zeigen.
Dabei soll niemand unter diesen Forderungen leiden. Wenn sie richtig umgesetzt werden, dann bedeuten sie maximale Freiheit für den Einzelnen. Die eigene Freiheit hört allerdings da auf, wo sie die Freiheit eines anderen schneidet. Eine funktionierende multikulturelle Gesellschaft bedeutet Vorteile für alle. "Funktionierend" bedeutet hier, dass Distanzen und Vorurteile abgebaut werden. Laschet weist darauf hin, dass es für manche Deutsche manchmal schwer ist, Distanzen und Vorurteile abzubauen.

Denn Respekt und Akzeptanz des Fremden setzten die Wertschätzung des eigenen Ichs voraus. Doch haben wir Deutsche das in ausreichendem Maße? Mein Eindruck ist, dass wir uns wieder klar darüber werden müssen, dass unsere Ansprüche an eine offene Gesellschaft nur Zukunft haben werden, wenn auch die sie formenden kulturellen Überzeugungen in ihnen lebendig bleiben.

Anzumerken ist, dass Laschets Artikel das Problem reduziert und eine ganze Menge an Details verschweigt. Aber er ist eine gute Diskussionsgrundlage. Mir gefällt, dass Laschet an die Menschen im Land appelliert. Weniger ermahnend als vielmehr werbend für die multikulturelle Gesellschaft.

"Grüßen Sie Heine, wenn Sie sein Grab besuchen."

Peter Handke verzichtet auf den Heine Preis. Er hat einem Brief an den Düsseldorfer Oberbürgermeister Joachim Erwin geschrieben.

2. Juni 2006

Lieber Joachim Erwin, lieber Oberbürgermeister,

Ihre freundliche Stimme noch im Ohr, möchte ich Ihnen sagen, welch gute Überraschung dieser Heinrich-Heine-Preis war, erst einmal für mich, der sich überhaupt keinen Preis mehr erwartet hatte, und wie er solch eine Überraschung weiterhin ist, gut vielleicht weniger für mich persönlich als für ein endliches allgemeines Auftauen, so scheint es inzwischen zumindest, der gefrorenen Blicke und Sprache in Hinsicht auf das jugoslawische Problem, einschließlich des Prozesses gegen Slobodan Milosevic, wie das ja wohl auch Sie sich gewünscht haben. Doch ich schreibe Ihnen heute zusätzlich, um Ihnen (und der Welt) die Sitzung des Düsseldorfer Stadtrats (heißt das so?) zu ersparen, womit der Preis an mich für nichtig erklärt werden soll, zu ersparen auch meiner Person, nein, eher dem durch die Öffentlichkeit (?) geisternden Phantom meiner Person, und insbesondere zu ersparen meinem Werk oder meinetwegen Zeug, welches ich nicht wieder und wieder Pöbeleien solcher wie solcher Parteipolitiker ausgesetzt sehen möchte. Ich bitte Sie - so das in Ihrer Macht steht -, die Sitzung oder Veranstaltung auf den Nimmerleinstag zu verschieben und statt dessen die Stadträte an die frische Luft zu entlassen, z.B. zu einem Picknick an den Rhein. Schade ist vielleicht nur, daß ich im Dezember einiges hätte darlegen können zum Unterschied zwischen journalistischer und literarischer Sprache und daß ich nun in Düsseldorf-Rath sowie in der Gartenstraße beim Hofgarten meine Streunereien vor 35, 40 Jahren nicht wiederholen kann. Aber dafür werde ich bald wieder einmal vor dem Grab Heinrich Heines auf dem Friedhof von Montmartre stehen - der Friedhof ist nicht weit von meinem Kaff hier. Und seien Sie nochmals bedankt, lieber Joachim Erwin, für Ihre Aufgeschlossenheit - die Sie sich für Ihr Tun und Lassen bewahren mögen.

Herzlich,

Ihr
Peter Handke


Und Joachim Erwin hat mit einem Brief geantwortet.

7. Juni 2006

Lieber Peter Handke,

kein Picknick für Hasenfüße, die sich in hellem Aufruhr um den kühlen Verstand bringen und in ihrer vorauseilenden Angst panisch alles niedertrampeln.

Kein Pardon für solche, die mit großen Brocken hoffen, medienwirksam Löcher einzuebnen, die sie zuvor heimtückisch selbst ausgehoben haben.

Doch - wer andern eine Grube gräbt, fällt selbst hinein. Unkenrufer stellen sich selbst ins Abseits. Die Zeit wird es weisen.

Lieber Peter Handke, ich bin tief betroffen und verärgert über die unglaublichen Geschehnisse. Welch eine Chance wurde vertan in der zweifelhaften Manier, um jeden Preis und alles in der Welt politically correct dazustehen.

Warum beauftragt man eine unabhängige Jury, um deren Entscheidung noch vor jeder ernsthaften Diskussion mit fadenscheinigen Argumenten auszuhebeln?

Wieder einmal bewahrheiten sich Nietzsches kluge Bedenken, die er als Untertitel seinem Zarathustra mit auf den Weg gab: „Ein Buch für Alle und Keinen“. Will sagen, nicht für jedermann, jedoch für alle, die sich offen damit auseinandersetzen. Und für keinen, der in blindem Ressentiment damit umspringt.

Es stimmt mich traurig, daß unter den politischen Kräften der Stadt, der ich als Oberbürgermeister die Ehre habe vorzustehen, sich nur so wenige finden, den Dichtern und Künstlern in ihrem eigensinnigen Schaffen Gehör zu schenken.

Offenbar fehlt es den meisten an Schneid, die Auseinandersetzung mit einer literarischen Sprache zu suchen, die mit Gewinn wagt, vieldeutig aufzutreten, um Schlaglichter aus unterschiedlichen Perspektiven auf die Wirklichkeit zu werfen.

Grüßen Sie Heine, wenn Sie sein Grab besuchen. Und versprechen Sie ihm und mir, nach Düsseldorf zu kommen. Mit Ihnen durch den Hofgarten zu gehen und sich zu besprechen erscheint mir eine vortreffliche Vorstellung.

Ich verstehe Ihren Unmut und den Entschluß, die Posse für sich zu beenden und abzuwinken. Doch seien Sie versichert, die Schelte folgt und wird nicht auf Sankt Nimmerlein verschoben.

Herzliche Grüße!

Ihr
Joachim Erwin

Motto

Kommt daher Ihr Wunsch, dem Augenblick Geltung zu verschaffen?

Das ist kein Vorsatz. So bin ich halt gemacht. Vielleicht ist es eine Art Krankheit, aber ich mag meine Krankheit.

Peter Handke im Interview mit der Zeit

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